Friday, September 20, 2019

Was ist ein Bitcoin-Wal?

Laut einer Studie der Credit Suisse befindet sich der Großteil des internationalen Bitcoin-Besitzes fest in den Händen einiger weniger sogenannter Bitcoin-Wale, dies berichtete Business Insider in der vergangenen Woche. So ergab die Untersuchung, dass 97 % des sich im Umlauf befindlichen Bitcoin-Vermögens bei nur 4 % der Besitzenden liegt.

Damit gilt für den digitalen Raum, was sich für die globalen Finanzen mit Festigung des Kapitalismus weiter verstetigt – einige Wenige besitzen die größten Mengen und verfügen so über Einfluss und Marktmacht. Dem Finanzjargon folgend werden solche schwergewichtigen Großinvestoren als Wale bezeichnet. Kleinanleger fürchten sie, dennoch sind nicht nur sie von deren Handeln, Schicksal und Gesinnung abhängig, sondern die gesamte Existenz des Bitcoin-Ökosystems selbst. Wer jedoch sind diese Bitcoin-Schwergewichte? Und sind Kleininvestoren ihren Spekulationen ausgeliefert?

Wale sind die größten Meeresbewohner, die wir kennen. Groß wie Häuser, sanftmütig, scheu – lange Zeit dachte man, die Meeresriesen hätten keinen Einfluss auf die Lebensräume anderer Fische und Wasserwesen. Eine Studie belegt jetzt das Gegenteil: Demnach sind es Wale, die entscheidend zur Stabilität der Weltmeere beitragen. Wo sie ihre Bahnen ziehen, sorgen sie dafür, dass andere leben können – an ihrer Existenz scheidet sich der Erhalt des Ökosystems.

Was für die größten Meeressäuger gilt, dies spiegelt sich auch unter der Wasseroberfläche des internationalen Bitcoin-Marktes. So sind einige wenige Besitzer, die sogenannten Bitcoin-Wale, diejenigen, die am meisten der begehrten Quasi-Digitalleitwährung ihr Eigen nennen. Von ihrem Handeln hängt der Fortbestand des gesamten Bitcoin-Marktes ab.

Den neusten, aus dieser Woche stammenden Untersuchungen der Schweizer Kreditanstalt Credit Suisse zufolge ist deren Anzahl kleiner als lange Zeit angenommen. So halten nun nur 4 % der Besitzenden 97 % des Bitcoin. Andere Schätzungen etwa von US-amerikanischer Journalisten aus dem Hause Bloomberg gehen davon aus, dass rund 1.000 dieser Bitcoin-Wale 40 % der weltweit gehandelten Bitcoin-Menge besitzen. Dem Handelsblatt zufolge sollen sogar nur rund 100 Personen ganze 20 % des Marktes für sich gesichert haben – in Anbetracht einer derzeitigen Marktkapitalisierung von 196,04 Milliarden Euro beträchtliche Summen.

Bitcoin-Wale – Wer sind sie?

Wer genau die Bitcoin-Größen sind, ist bis auf wenige Medienhungrige zu großem Teil unbekannt. Wie sie zu ihrem Vermögen gekommen sind, ist jedoch leichter nachzuvollziehen. Denn die allermeisten der Ozeanriesen sind vermutlich Pioniere erster Stunde. Sie haben den Bitcoin selbst geschürft oder für geringe Geldsummen große Mengen Bitcoin erstanden – noch bevor die internationale Medienöffentlichkeit davon Wind bekam.

So war es ihnen möglich, ihre Einsätze im Zuge explodierender Kurse des vergangenen Jahres zu verhundertfachen. Das Ergebnis: digitaler Reichtum, den die meisten auch im Digitalen belassen.

Schätzungen gehen davon aus, dass sich ein Großteil dieser frühreifen Optimisten, die Pioniere der digitalen Bezahlalternativen, gegenseitig durchaus kennt. Wiederum das Ergebnis: Eine kleine, scheinbar eingeschworene Gemeinde Superreicher. Damit kommt einigen Wenigen große Steuerkraft mit Blick auf Kurse und das Marktgeschehen zu.

Absprachen wahrscheinlich – den Großen ausgeliefert?

So sind Bitcoin-Wale Anker und Fallbeil des Krypto-Ökosystems zugleich – sie halten den Kurs, können ihn anfachen oder auf Talfahrt schicken. Denn durch koordiniertes Kauf- oder Abstoßverhalten sind kurzfristig Kursbewegungen in alle Richtungen möglich.

Dass ein solches Verhalten zunächst gar nicht unwahrscheinlich scheint, liegt in der Natur des Bitcoins selbst. Denn anders als Wertpapiere oder Rohstoffe sind die internationalen Finanzmärkte bis auf die Anstrengungen einzelner Länder weitestgehend unreguliert. Oftmals fallen die Digitalwährungen auch gänzlich aus dem Raster von Aufsichtsbehörden und Finanzinstitutionen – so etwa bei der Securities and Exchange Commission SEC in den USA oder der europäischen Zentralbank EZB in der EU. Im Gegenteil, es wirkt der freie Markt – und der lässt zu, dass Klein von Groß geschluckt wird.

Zudem können derartige Absprachen gerade mit Blick auf die im vergangenen Jahr neugeborenen Bitcoin-Futures etwa für kalkulierte Börsengewinne im beträchtlichen Ausmaß sorgen.

Stimmen aus der Community bestätigen den Verdacht der Absprachen.

“Ich glaube, dass die Absprachen sehr wahrscheinlich sind. Und Menschen sollten mit ihrem eigenen Geld machen können, was sie wollen. Ich persönlich hatte allerdings nie Zeit für diese Dinge“,

so der bekannte Bitcoin-Frühinvestor Roger Ver gegenüber Bloomberg.

Hinzu kommt, dass genau diese Bewegungen für Kleinanleger größtenteils im Dunkeln liegen. So grenzt der US-Anwalt Martin Mushkin Bitcoin-Geschäfte deutlich von herkömmlichen Anlageprodukten ab.

„Auf dem Markt herrscht keine Transparenz. Im Wertpapiergeschäft müssen alle Materialen offengelegt werden. In der Welt virtueller Währungen ist es besonders schwer herauszufinden, was passiert.“

Somit scheint nachvollziehbar, dass sich manch einer ausgeliefert fühlen mag.

Der Schnitt ins eigene Fleisch unwahrscheinlich

Ein wichtiges Detail lassen die sich nun grausenden Kleininvestoren und dystopischen Prognosen dennoch oftmals außer Acht: Die Großen, die Bitcoin-Wale selbst, sind am Bestand des Systems interessiert, ein gemeinsames Abstoßen ist leichter gesagt als getan und der Wert der Währung bleibt zumindest kalkulatorisch steigend. Denn aufgrund der Markt-Begrenzung und der limitierten Anzahl des Bitcoins wird sich dessen Kurs auch weiterhin deflationär verhalten.

Frühzeitig den eigenen Markt zu zerstören, scheint zumindest aus der Beobachterperspektive wenig weitsichtig. In diesem Hinblick ist davon auszugehen, dass die Community sich selbst regulieren dürfte. Man wird sich schwerlich ins eigene Fleisch schneiden wollen.

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