Friday, October 18, 2019

Was ist eine Blockchain?

Hier ist ein Versuch, die ursprüngliche Absicht der Blockchain in weniger als 100 Wörtern zu erklären.

Sie (ein “Node”, also ein “Knotenpunkt”) haben eine Datei mit Transaktionen auf Ihrem Computer (einen „ledger“, bzw ein “Hauptbuch”). Zwei Regierungsbuchhalter (nennen wir sie “miners”) haben die gleiche Datei auf ihrem Computer (sie ist also “verteilt”). Wenn Sie eine Transaktion ausführen, schickt Ihr Computer eine E-Mail an beide Buchhalter, um sie zu informieren.

Jeder Buchhalter beeilt sich, um der erste zu sein, der überprüft, ob Sie es sich leisten können (und um ihr Gehalt in “Bitcoins” ausgezahlt zu erhalten). Der erste, der überprüft und bestätigt hat, klickt auf “ALLEN ANTWORTEN” und fügt seine Überlegungen für das Überprüfen der Transaktion an (“Proof of Work”). Falls der andere Buchhalter derselben Meinung ist, aktualisiert jeder seine Datei …

Dieses Konzept wird durch die “Blockchain”-Technologie ermöglicht.

Sicherlich ist es aber komplizierter?

Ja – aber als reines Konzept gar nicht so sehr. Komplexer wird es vielmehr bei der Umsetzung und wenn es darum geht, aus der Umsetzung Wert zu schöpfen. Das obige Beispiel wird für manch einen natürlich übermässig vereinfachend erscheinen – aber anderen als Ausgangspunkt dienen können.

In einer traditionellen Umgebung handeln vertrauenswürdige Dritte als Intermediäre für Finanztransaktionen. Wer Geld nach Übersee schicken möchte, wird dies über einen Intermediär abwickeln (üblicherweise eine Bank). Die Überweisung erfolgt dann in der Regel nicht sofort (sondern dauert bis zu 3 Tage) und der Intermediär verlangt eine Kommission dafür, in Form einer Devisenkursumrechnungsgebühr oder anderer Gebühren.

Die ursprüngliche Blockchain ist eine Open-Source-Technologie, die für Überweisungen der Kryptowährung Bitcoin eine Alternative zum traditionellen Intermediär bietet. Der Intermediär wird durch die kollektive Verifizierung des Ökosystems ersetzt, das einen extrem hohen Grad an Nachweisbarkeit, Sicherheit und Geschwindigkeit bietet.

Im oben aufgeführten Beispiel (eine “öffentliche Blockchain”) gibt es vielfache Versionen von Ihnen als “Knotenpunkte” in einem Netzwerk, die gleichzeitig sowohl als Ausführende von Transaktionen als auch als Miner fungieren. Die Transaktionen werden als Blöcke gesammelt, bevor man sie der Blockkette (der wörtlichen Bedeutung von “block chain”) hinzufügt. Die Miner bekommen eine Bitcoin-Vergütung, basierend auf der Rechenzeit, die benötigt wird, um a) zu eruieren, ob die Transaktion gültig ist, und b) herauszufinden, welcher der richtige mathematische Schlüssel ist, um den Block von Transaktionen mit der richtigen Position im offenen Hauptbuch zu verbinden. Je mehr Transaktionen ausgeführt werden, desto mehr Bitcoins fliessen in die virtuelle Geldmenge. Die “Vergütung”, welche die Miner erhalten, reduziert sich alle vier Jahre, bis die Bitcoin-Produktion schliesslich aufhören wird (obwohl dies Schätzungen zufolge nicht vor 2140 sein wird!). Obwohl die ursprüngliche Blockchain zur Verwaltung von Bitcoin dienen sollte, können natürlich andere virtuelle Währungen, wie Ether, verwendet werden.
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Und hier eine (etwas kritische) Erklärung der Blockchain

Die ‚Blockchain‘ wird derzeit überall als neue Wundertechnologie gepriesen. Sechs mal kommt das Wort im Koalitionsvertrag vor, immer im Kontext neuer, vielversprechender Digitaltechnologien.

Doch was steckt dahinter?

Die Blockchaintechnologie hat das Licht der Welt gleich in seiner ersten populären Anwendung erblickt: Bitcoin. Bitcoin basiert darauf, dass alle Transaktionen, die mit der digitalen Währung gemacht werden, in einer Art Grundbuch vermerkt werden. Nur liegt dieses Grundbuch nicht in einem zentralen Grundbuchamt, sondern auf den Computern aller Bitcoinnnutzer. Jeder hat eine identische Kopie aller Transaktionen. Und immer wenn eine Transaktion passiert, wird sie mehr oder weniger gleichzeitig in allen diesen Büchern vermerkt. Erst wenn der Großteil aller Bücher die Transaktion aufgeschrieben hat, gilt sie als vollzogen. Dabei wird jede Transaktion mit den Vorhergehenden kryptografisch verkoppelt, so dass ihre Gültigkeit für alle nachprüfbar ist. Schiebt nun zum Beispiel jemand eine gefälschte Transaktion dazwischen, dann stimmen die Berechnungen nicht mehr und das System schlägt Alarm. Am Ende hat man eine Speichertechnologie, die kein Einzelner kontrollieren oder manipulieren kann.

Schon früh räumten selbst Bitcoin-Skeptiker ein, dass unabhängig von der digitalen Währung die dahinterliegende Blockchaintechnologie das eigentliche Zukunftspotential berge. Seitdem zerbrechen sich viele Menschen den Kopf, wo man sie noch anwenden könnte.

Das Internet galt immer als eine besonders dezentrale Technologie, doch das stimmt für die meisten Services schon lange nicht mehr. Alle nutzen eine Suchmaschine (Google), ein Social Network (Facebook) und einen Messanger (WhatsApp). Und alle diese Dienste basieren darauf, dass sie zentral unsere Daten halten und organisieren. Die Blockchaintechnologie scheint einen Ausweg zu weisen: alle Dienste, die bislang über zentrale Datenbanken funktionierten, könnten nun auch mit einer solchen verteilten Blockchain organisiert werden. Ein Zentrum braucht es nicht mehr.

Die Ideen gehen soweit, komplexe Geschäftsprozesse in Blockchains abzubilden. Beispielsweise automatisierte Auszahlungen an ein Konto, wenn eine Aktie einen bestimmten Wert erreicht. Das nennt sich dann „Smart Contracts“.

Der Hype um Blockchain ist beinahe so alt wie der um Bitcoin, wir reden also bereits seit sechs bis sieben Jahren über die Unabwendbarkeit dieser Technologie. Hunderte, ja tausende Startups haben sich seitdem gegründet. Ebensoviele Anwendungszwecke der Blockchain wurden seither behauptet.

Warum – so fragt sich der interessierte Beobachter – gibt es neben den Cryptowährungen (die selbst hauptsächlich Spekulationsblasen ohne wirkliche Anwendung sind) dann noch keine einzige populäre Anwendung? Warum hat noch keine auf Blockchain basierende Suchmaschine Google bedroht, oder ein auf Blockchain basierendes Social Network Facebook? Warum sehen wir keine Fahrtenvermittlung auf Blockchainbasis und keine Wohnungsvermittlung, obwohl genau diese Zwecke so oft angepriesen wurden? Warum verbleiben alle Blockchaintechnologien in der Projektphase und keines findet einen Markt?

Die Antwort ist, dass Blockchain mehr eine Ideologie ist, als eine Technologie. Ideologie meint hier, dass hinter ihr eine Vorstellung steht, wie Gesellschaft funktioniert und wie sie funktionieren sollte.

Eines der ältesten Probleme der Sozialwissenschaft ist die Frage, wie Vertrauen zwischen Unbekannten hergestellt werden kann. Gesellschaft funktioniert erst, wenn dieses Problem hinreichend gelöst ist. Der Ansatz unserer modernen Gesellschaft ist, Institutionen zu etablieren, die als vertrauensvoller Dritter Interaktionen absichern. Denken wir an Banken, das Rechtssystem, Parteien, Medien, etc. All diese Institutionen bündeln Vertrauen und sichern so soziale Handlungen zwischen Unbekannten ab.

Diese Institutionen allerdings erlangen durch ihre zentrale Rolle eine gewisse gesellschaftliche Macht. Diese Macht war schon immer der Dorn im Auge einer bestimmten Denkrichtung: der Libertären, oder auch Anarchokapitalisten. Sie glauben zum Beispiel, dass es keinen Staat geben solle, der sich in die Angelegenheiten der Menschen einmischt. Der Markt – als Summe aller Individuen, die miteinander handeln – solle das von sich aus regeln. Libertäre sind dementsprechend sehr kritisch gegenüber Institutionen wie Zentralbanken, die Währungen ausgeben. Die Zentralbanken – und überhaupt Banken aus der Gleichung zu streichen – ist schon der Grundgedanke hinter Bitcoin.

Hinter Blockchain verbirgt sich der libertäre Wunsch einer Gesellschaft ohne Institutionen. Statt Vertrauen in Institutionen sollen wir Vertrauen in die Kryptographie haben. Statt unserer Bank sollen wir auf die Unknackbarkeit von Verschlüsselung vertrauen, statt auf Uber oder einer Taxi-App sollen wir einem Protokoll vertrauen, das uns einen Fahrer zu vermittelt.

Deswegen ist Bitcoin und die Blockchaintechnologie so beliebt in der amerikanischen Rechten, die eine lange libertäre Tradition hat und den Staat ablehnt. Deswegen kommt sie auch bei Deutschen Rechten sehr gut an, zum Beispiel bei Alice Weidel von der AfD die nun die Keynote auf einer großen deutschen Bitcoin-Konferenz halten wird und ein eigenes Blockchainstartup gründet. Wer gegen „Lügenpresse“ und „Altparteien“ wettert, steht im Zweifel auch allen anderen Institutionen kritisch gegenüber.

Wenn man also in Blockchain investiert, macht man eine Wette gegen das Vertrauen in die Institutionen. Und das ist auch der Grund, warum diese Wette noch nicht ein einziges Mal gewonnen wurde. Denn die Ideologie des Anarchokapitalismus ist naiv.

Rein technisch kann eine Blockchain dasselbe, was jede Nullachtfuffzehn-Datenbank schon lange kann – tendenziell eher weniger. Das einzige Feature, das Blockchain auszeichnet, ist, dass niemand einer zentralen Instanz vertrauen muss. Statt einer Datenbank braucht es Millionen Datenbanken. Statt eine Transaktion einmal aufzuschreiben, muss sie Millionen mal aufgeschrieben werden. All das kostet Zeit, Rechenkraft und Ressourcen.

Wenn man also die libertäre Grundannahme, dass die Menschen den Institutionen mißtrauen sollen, nicht teilt, dann ist die Blockchain nur die ineffzienteste Datenbank der Welt.

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